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Walking (I)
(Auf der schwäbischen Eisenbahn): Da geht etwas los, und zieht,
und ist schon ganzschön in Fahrt mit dem Rhythmus, und etwas anderes
geht mit, anfangs noch skeptisch, quäkt gegen die Fahrtrichtung,
ist auf dem falschen Gleis, bis die Spur gefunden ist von etwas
Drittem: freie Bahn für die Improvisation! Dann wird Dampf gemacht,
und am Ende, tatsächlich, ist man am Ziel.
So oder jedenfalls so ähnlich muß man sich auch die Geschichte
dieser CD vorstellen: Am Anfang war der Auftrag - und das heimliche
Zurückzucken, das innere Abwinken der Musiker: Volkslieder (ihhh!)
verjazzen (na ja)! Jazz und Volksmusik... Ein echtes Wagnis jedenfalls.
Aber im Ernst: Als das Volkslied ?in Form gebracht und aufgeschrieben
wurde, war es schon nicht mehr Volkes Lied, es war Kunstform geworden,
Partitur. Seine Texte verweisen auf die romantische Liebes- und
Naturlyrik, in ihnen spiegelt sich die Behütetheit des biedermeierlichen
Refugiums, der vorindustriellen Zeit. Auch der Tod ist von einer
gottesfürchtigen Heiterkeit umgeben. Droben stehet die Kapelle,
schauet still ins Tal hinab.... Das heute gespielte, ja auch gesungene
Volkslied ist immer Zitat, Geschichte.
In dieser Synthese von Jazz und Volksmusik sprechen der Komponist
und Keyboarder rein HOLD braig und der Saxophonist Helmut Müller
von sich und von den Liedern. Sie bringen ?ihre Stimmen ein,
und tragen bei zu etwas jeweils Neuem, Anderem. Droben stehet
die Kapelle....da wird in den Klängen des Synthesizers die Trauergemeinde
sichtbar, der Abschied, der letzte Gang mit den Toten macht die
Gefühlsinhalte des Liedes wieder lebendig.
Der Auftrag war also ein Glücksfall: Aus der inneren Opposition
gegen das so ganz und gar nicht Zeitgemäße - der Texte zum Beispiel
- wurde ein Spiel mit Stimmungen, Klangfarben, Rhythmen, die sich
an genau diesen Texten orientieren konnten. Das Ergebnis, die
neue musik, ist mehr gespielt als komponiert. - Die produktive
Spannung, die sich aus den (ehemals) eingefleischten Hörgewohnheiten
der Musiker und der Lust auf das alte Neue ergab, wurde zunächst
einmal auf der Bühne des Theaters Lindenhof in Melchingen erprobt
- ein sozusagen kongenialer Ort, an dem die Vereinbarung der Widersprüche
zwischen ländlicher Idylle und progressiver Kunstausübung schon
länger als ein Jahrzehnt vorgeführt wird. Von dort aus gings ins
Landesstudio des SWF in Tübingen, wo dieses bearbeitete Liedgut
auch ganz gut hinpaßte: im Mundarthörspiel etwa ist der kritische
Umgang mit der Tradition auch musikalisch immer wieder präsent.
Und so ist das letzte Stück noch einmal als eine Synthese gedacht:
Radio Talk zitiert das Volkslied, den ?Störfaktor Jazz und deren
mediale Vermittlung (oder Nicht-Vermittlung). |